Ende Juni/Anfang Juli war ich zum vierten Mal innerhalb gut eines Jahres in Lviv/Lemberg in der Westukraine, zum vierten Mal während des russischen Angriffskriegs. Es klingt vielleicht komisch, aber manches fühlt sich bereits wie Routine an: der Abschluss einer zusätzlichen Krankenversicherung für etwaige kriegsbedingte Schäden, der Grenzübertritt zu Fuß (weil das, gekoppelt mit Bus-/Taxishuttles vom/zum nächsten polnischen Flughafen Rzeszow bzw. nach/von Lviv die schnellste Reisemöglichkeit ist), der Umgang mit der nächtlichen Ausgangssperre, das Wissen um den nächsten Schutzraum im Falle eines Alarms…

Präsenz des Kriegs im Alltag

Und doch sind diese Reisen immer wieder zutiefst eindrücklich. Das hat weniger wegen mit den persönlichen Risiken zu tun: als eingeladener Gast wird man perfekt umsorgt, von der Organisation der Reise bis zu umfassender Unterstützung im Alltag vor Ort, man fühlt sich beschützt. Aber allein schon, wenn jeden Morgen um 9 Uhr das Leben stillsteht, um in der „minute of silence“ den Opfern des Krieges zu gedenken, wenn jeder Mensch auf dem Gehweg stehen bleibt, wenn jedes Auto anhält und die Insassen aussteigen, wenn jeder Hotelgast sich an seinem Frühstückstisch erhebt – dann ist es unmöglich, davon nicht berührt zu sein. Und natürlich ist der Krieg auch in einer vergleichsweise sicheren Stadt wie Lviv trotzdem präsent. Auch in Lviv werden jeden Tag Menschen begraben, die an der Front gestorben sind. Auch in Lviv gibt es Luftalarm. Auch in Lviv schlagen Drohnen und Raketen ein, selten zwar, aber die Bedrohung ist immer da: für die Nacht zum 2.7. wurden wir vor einem bevorstehenden Angriff gewarnt, doch die heftige Angriffswelle richtete sich gegen Kyiv, mindestens 30 Menschen starben dort.

Planen für die Zukunft – das Projekt „Lviv North“

Zwei Anlässe gab es diesmal für meine Reise: Zum einen war ich erneut als Referent zum jährlich stattfindenden „Lviv Urban Forum“ eingeladen. Und dann darf ich seit vergangenem Herbst einen hochspannenden Planungsprozess begleiten: eine Testplanung nach Schweizer Vorbild für einen 700 ha großen, sehr heterogen strukturierten und unter großem Entwicklungsdruck stehenden Bereich nördlich der Innenstadt – „Lviv North“. Topographisch bewegt mit Tälern, grünen Hügeln und dem Übergang in die Wälder am nördlichen Stadtrand, alter sowjetischer Wohnungsbau gepaart mit neuer, viel zu dichter und schlecht erschlossener Investorenbebauung an den Hängen, überalterte Infrastruktur, großflächige (teils genutzte, teils brachgefallene) Datschengebiete, eine sehr unübersichtliche, kleinteilige Eigentümerstruktur, ein den Anforderungen nur bedingt gewachsenes Verkehrssystem – und mitten drin ein wesentlicher Treiber der Entwicklung, „Unbroken“, ein wachsender Krankenhaus- und Rehabilitationszentrumskomplex vor allem für Kriegsversehrte aus der gesamten Ukraine (mehr dazu hier). Aufgrund fehlender bzw. überalterter Rahmenplanungen ist die Stadt momentan kaum in der Lage, die Entwicklung wirklich zu steuern.

Finanziert von Kanton und Stadt Zürich haben seit letztem Herbst fünf Planungsteams (jeweils hochkarätige Städtebau- und Landschaftsplanungsbüros aus Westeuropa gepaart mit einem lokalen Büro aus Lviv) in drei Workshops ganz unterschiedliche, sehr umfassende Ideen für die Entwicklung von Lviv North entwickelt, als Grundlage für einen neuen städtebaulichen Rahmenplan, aber auch für anstehende Investitionsentscheidungen. Beim letzten Workshop wurden jetzt die finalen Entwürfe der Teams diskutiert und anschließend der Öffentlichkeit vorgestellt, zunächst beim „Lviv Urban Forum“ und direkt danach in einer Ausstellung in der Innenstadt. Nun wird die Stadtverwaltung aus den Vorschlägen das herausdestillieren, was am geeignetsten erscheint, um den Stadtteil unter den gegebenen Rahmenbedingungen mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen möglichst nachhaltig weiterzuentwickeln und diese Entwicklung auch steuern zu können. Das „guiding committee“, in dem Kolleginnen und Kollegen aus Schweden, der Schweiz, Polen, Tschechien, der Ukraine und meine Person den Prozess begleitet haben, wird die Stadt auch dabei unterstützen.

Wer sich für dieses Projekt näher interessiert, findet alle Informationen und die finalen Entwürfe der Teams unter der Projektwebseite (auf den EN-Button klicken). Aber mindestens so spannend wie die Inhalte ist der Prozess: In diesen schwierigen Zeiten mit unglaublichem Engagement und viel personellem Aufwand ein solches Projekt aufzuziehen, mit hoher Qualität, auch mit Partizipation (u. a. einer Bürgerinformation vor Ort nach dem zweiten Workshop), ist bewundernswert. Die Stadt arbeitet energisch an der Gestaltung ihrer Zukunft und lässt sich vom Krieg nicht davon abhalten.

Das „Lviv Urban Forum“ – gemeinsam Zuversicht bewahren

Auch in diesem Jahr trafen sich wieder über 1.000 Menschen aus der gesamten Ukraine sowie einige geladene Gäste aus dem Ausland zu diesem zentralen Lern-, Austausch- und Vernetzungsevent im Themenfeld nachhaltiger Stadtentwicklung. Vor allem junge Menschen (Studierende, aus Planungsbüros, aus Stadtverwaltungen) prägten die Veranstaltung mit ihrer Neugier und ihrem Willen, die Zukunft ihres Landes und ihrer Städte zu gestalten, im Angesicht des Krieges – aber gerade auch unabhängig davon.

Nach „Building Continuity“ im vergangenen Jahr war diesmal „Spaces of Communities“ das Oberthema für zahlreiche Vorträge, Podiumsdiskussionen, Workshops und Exkursionen. Wie planen und bauen wir für die Gemeinschaft, vom einzelnen Bauwerk über die Quartiersentwicklung bis zur Gestaltung des öffentlichen Raumes, aus dem Blickwinkel von Architektur, Landschaftsplanung oder Mobilität? Dabei waren nicht nur die „großen“ Vorträge der prominenten Gäste interessant. Gerade die Inputs und Diskussionen zu den konkreten Themen, welche die Planenden in der Ukraine im Alltag beschäftigen, zeigten auf faszinierende Weise, mit welcher Intensität in der Ukraine um eine gute Zukunft gerungen wird, etwa beim Schul- und Krankenhausbau, beim gemeinschaftlichen Wohnen oder der Gestaltung von Platzräumen. Die Frage nach guten Beteiligungsformaten war ebenso ein wichtiges Thema, aber auch die Beschäftigung mit dem eigenen Berufsbild, bis hin zu einem spannenden, sehr reflektierten und auch selbstkritischen Panel zur Rolle der Architektinnen und Architekten in Zeiten des Krieges. Deutlich wurde auch, wie unterschiedlich weit die einzelnen Regionen in der Ukraine bei ihren Transformationsprozessen nachvollziehbarerweise sind. Lviv ist hier in vielfacher Hinsicht ein Vorbild, wenn auch noch kein perfektes, sei es bei der Qualitätssicherung beim Bauen, bei der Durchführung von Wettbewerben, bei der Beteiligung oder auch beim Umgang mit Investoren. Viel hängt dabei auch an einzelnen Personen, in Lviv etwa am Stadtarchitekten Anton Kolomieitsev.

In jedem Fall großartig beim Lviv Urban Forum: die Stimmung, ob bei den fachlichen Diskussionen, in den Pausen oder beim abendlichen Zusammensein, gepaart mit der gemeinsamen Zuversicht und Überzeugung, sich die Weiterentwicklung des Landes bzw. der Städte und Gemeinden nicht vom russischen Angriffskrieg diktieren zu lassen. Auch für dieses Gefühl der Gemeinsamkeit und der gegenseitigen Unterstützung ist dieses Format mittlerweile beinahe unersetzlich geworden. Besonders deutlich wurde dies beim wehmütig-emotionalen Abschied am letzten Abend mit einer Lichtinstallation an der Rathausfassade am zentralen Platz Rynok im historischen Stadtzentrum.

Schließlich durchaus mehr als eine Randnotiz: am Rande des Forums unterzeichneten Lvivs Bürgermeister Andriy Sadovyi und Oliver Weigel, Geschäftsführer der IBA Metropolregion München, eine Kooperationsvereinbarung, was mich als Mitglied des IBA-Kuratoriums besonders gefreut hat (weitere Informationen hier).

Zum Lernen: Die Resilienz einer Stadt

Zum Abschluss nochmal zurück zum Leben in Lviv, zur Zukunft dieser Stadt. Trotz der oben beschriebenen täglichen Bedrohungen und Einschränkungen wirkt die Stadt stark und im besten Sinne resilient. Wie sie es geschafft hat, mit einem kriegsbedingten plötzlichen Zuwachs der Bevölkerung um 200.000 Menschen auf fast 1 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner fertig zu werden, ist mehr als bewundernswert. Und trotz des Krieges bemerke ich bei jedem Besuch immer neue Verbesserungen, im Großen wie im Kleinen, von der gelungenen Konversion einer Gewerbebrache bis zu neugestalteten Straßenräumen, von einer barrierefrei ausgebauten Bushaltestelle bis zu neuen und funktional ansprechenden Fahrradständern. Nicht zuletzt: die öffentlichen Räume sind gepflegt und alles andere als verwahrlost – die Menschen lieben ihre Stadt und übernehmen dafür Verantwortung.

Während des Lviv Urban Forums hatte ich die Gelegenheit, mit Anton Kolomieitsev und zwei Kollegen aus Deutschland einen Rundgang durch das Unbroken-Areal im Norden der Stadt zu machen. Wir waren beeindruckt von neuem sozialen Wohnungsbau (vor allem für Veteranen, Kriegsversehrte und Kriegsflüchtlinge, auch als temporäre Unterkunft) mit durchdachtem Design und hochwertigen halböffentlichen Freiräumen, von Spielflächen und Aufenthaltsflächen in einem angrenzenden Park mit vorbildlicher Berücksichtigung der Anforderungen von Barrierefreiheit und auch von neu gestalteten Straßenräumen, die zwar nicht unbedingt den aktuellen westeuropäischen Standards entsprechen, aber für Lviv ein großer Fortschritt sind. Vor allem aber waren wir beeindruckt von Antons offenen Schilderungen über den Balanceakt, solche und andere Projekte in einer schwierigen Gemengelage aus objektiven Anforderungen, Investorendruck, politischer Einflussnahme, Erwartungen in der Bevölkerung und begrenzter Ressourcen durch- und umzusetzen – und das häufig mit einer Qualität und Geschwindigkeit, auf die man aus deutscher Sicht manchmal neidisch sein kann. Die Fähigkeit zu Pragmatismus und dem Aushandeln von guten Kompromissen ist nur eines von vielen Dingen, die wir von der Ukraine lernen können.

Die Besichtigung des Unbroken-Krankenhauses selber lässt einen tief betroffen und erschüttert in die Innenstadt zurückkehren. Hier werden die Folgen der russischen Aggression unmittelbar sichtbar, von der jungen Frau, die unterstützt von einer Pflegerin lernt, sich mit ihrem Rollstuhl selbständig bergauf zu bewegen, über den Mann, der sich beim Treppensteigen an sein künstliches Bein gewöhnt, bis zu Kriegsversehrten, die in speziellen Übungsräumen lernen, wie sie selbständig ihren Haushalt bewältigen können. Gleichzeitig strahlt der Umgang mit diesen Menschen durch die Ärztinnen und Ärzte, durch das Pflegepersonal, aber auch durch die Architektur und die Gestaltung der Krankenzimmer, Übungs- und Aufenthaltsräume so viel Herzenswärme und Respekt für die Opfer des Krieges aus, dass die eigene innere Bewegung auch eine Spur von Trost enthält.

Natürlich ist der Kriegsalltag in Lviv auch noch in anderer Hinsicht präsent: Männer im Alter zwischen 25 und 60 Jahren müssen jederzeit damit rechnen, zum Militärdienst eingezogen zu werden. Ich habe selbst erlebt, wie plötzlich neben zwei Kollegen (aus Norwegen und Dänemark) und mir auf dem Weg zum Konferenzort ein Van hielt, drei Soldaten heraussprangen und unsere Papiere verlangten – auf der Suche nach Männern, die sich ihrer Einberufung entzogen haben. Und am schon erwähnten Abschiedsabend vor dem Rathaus kam ich mit einer Ukrainerin ins Gespräch, die auf eine sich ausbreitende Erschöpfung und Müdigkeit hinwies – die aber keinesfalls mit einer Bereitschaft zum Aufgeben zu verwechseln ist. Mut und Furchtlosigkeit sind ungebrochen in Lviv. Die Menschen leiden, aber sie schauen nach vorne. Sie wissen um die Gefahren, aber trotzdem ist die Innenstadt lebendig, die Menschen genießen den Moment des friedlichen lauen Sommerabends. Wir können so viel lernen in Sachen Mut, Gestaltungskraft und Resilienz von dieser Stadt, diesem Land, diesen Menschen – aber nur dann, wenn wir weiter solidarisch mit ihnen sind und sie mit allem unterstützen, was sie benötigen.